Heute war Saisoneröffnung. Nicht irgendeine – die Ducati Roadshow hatte am Audi Forum Ingolstadt Station gemacht, und ich hatte mir gleich vier Slots gesichert: 11 Uhr Hypermotard 698 Mono RVE, 12 Uhr Panigale V4 S, 13 Uhr Streetfighter V4 S, 14 Uhr Diavel V4. Vier komplett unterschiedliche Maschinen an einem Nachmittag – und, wie sich herausstellen sollte, vier komplett unterschiedliche Gefühle.
Vorab: Ich war aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Das erste Mal dieses Jahr im Sattel, und dann direkt auf Leihbikes, bei denen man sich keinen Fehler erlauben will. Die Anspannung vor dem ersten Slot war real. Umso schöner, dass mich das erste Bike des Tages sanft wieder reingebracht hat.
11:00 Uhr – Hypermotard 698 Mono RVE: Der Kampf am Gashahn
Als Hypermotard-Fahrer setzt man sich auf die Mono und ist sofort zuhause. Gleiche Geometrie, gleicher Charakter, nur alles eine Nummer kleiner. Und genau das ist ihre größte Stärke: Die Mono ist wirklich leicht. Spielerisch leicht. Man bewegt sie mit dem Gedanken, nicht mit dem Körper.
Was mich überrascht hat: Das große "Aber" gegen Einzylinder – dieses angebliche Rumhacken, dieses Gestotter – kann ich hier überhaupt nicht bestätigen. Der Superquadro Mono läuft erstaunlich ruhig, tuckert vor sich hin wie es sich gehört, und dann ist da dieser Quickshifter, der hoch und runter funktioniert, als wäre er elektrisch. Du kannst einfach schalten, schalten, schalten – und das tut nicht weh, das macht sogar Spaß.
Das Problem kommt später. Und es kommt mit Wucht: Der Punch fehlt. 77 PS stehen in den Papieren, aber die erreicht man irgendwo in einem Drehzahlbereich, den man auf der Landstraße nicht dauerhaft halten möchte. Man fährt dieses Bike nicht – man kämpft es. Drehen, drehen, drehen lassen. Nach einer Weile fühle ich mich wie ein Achtzehnjähriger, der ständig am Hahn hängt. Das war Arbeit. Schöne Arbeit, aber Arbeit. Ich steige ab, bin aufgewärmt und etwas gestresst – und genau das ist vielleicht die perfekte Vorbereitung für das, was als Nächstes kommt.
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12:00 Uhr – Panigale V4 S: Zu scharf für die Landstraße
Wahnsinnsbike. Das muss man erst mal so sagen. 216 PS, Öhlins semi-aktiv, dieser V4, der schon im Stand klingt, als wolle er einen auslachen, weil man zu langsam ist.
Und genau da liegt das Problem für heute: Ich war zu langsam.
Ich bin schon ewig keinen waschechten Supersportler mehr gefahren, und das merkt man nach einem Kilometer. Der Druck auf die Handgelenke, die nach vorn gekippte Position, diese kompromisslose Ergonomie, die nur eine Richtung kennt – schnell. Auf der Landstraße, bei 80 km/h im dritten Gang, ist das Bike unbequem. Nicht ein bisschen, sondern fundamental. Es ist nicht für diese Geschwindigkeit gebaut. Es will gar nicht dort sein.
Ich fahre gern schnell. Aber die Rennstrecke? Brauche ich nicht. Und genau da gehört die Panigale hin. Auf die Rennstrecke. Nur dorthin. Für die Landstraße gibt es bessere Motorräder – und eines davon ist, wie sich gleich zeigt, quasi dasselbe Bike mit einem anderen Lenker.
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13:00 Uhr – Streetfighter V4 S: Nachhausekommen
Technisch ist die Streetfighter V4 S fast identisch mit der Panigale. Selber Motor, selbe Elektronik, selbes Fahrwerk. Und trotzdem: eine völlig andere Welt. Breiter Lenker, aufrechtere Sitzposition, zehn Zentimeter mehr Luft zum Atmen – und plötzlich habe ich ein Nachhausekommen.
Ich vergleiche das gerne mit meiner alten Suzuki GSX 600: ein kompromissloser Streetfighter, wie man ihn sich wünscht. Nur dass hier 208 PS und die Laufruhe eines V4 darunter sind. Diese Laufruhe ist es, die mich am meisten umgehauen hat. Keine Vibrationen, kein Stress – dafür ein Beschleunigen, das ich fast mit einem elektrischen vergleichen würde. So linear. So sauber. So viel Punch in jeder Situation.
Und das ist der Punkt, den viele nicht kommen sehen: Du musst mit der Streetfighter V4 S nicht rasen. Du kannst mit 80 oder 100 über die Landstraße rollen und es fühlt sich immer noch stimmig an. Wenn du dann Lust bekommst, ist sie da – in genau dem Moment, in dem du den Gedanken hast. Scharf wie ein Messer in die Kurve, gutmütig beim Rausbeschleunigen, und mit einer Balance, die das Fahren selbst zur Belohnung macht.
Klar, sie verleitet ein bisschen. Wer das Gas aufzieht, zieht es auf, und dann ist man schneller, als man geplant hat. Aber für die Landschaft rund um Ingolstadt, für das Altmühltal, für alles zwischen Kurvenräuberei und Cruisen – das ist das richtige Bike. Wenn ich heute ein Motorrad mit nach Hause hätte nehmen dürfen, dann diese.
14:00 Uhr – Diavel V4: King of the Street
Und dann kam der Schock. Nicht beim Fahren – beim Aufsteigen.
Fußrasten vorn. Ich setze mich drauf und suche instinktiv die Rasten da, wo sie hingehören. Sie sind nicht da. Sie sind einen halben Meter weiter vorn. Ich bin noch nie einen Chopper gefahren, und Diavel hin oder her, die Sitzposition ist ein Chopper: Beine lang, Oberkörper aufrecht, Lenker breit, Hintern tief. King of the Street, und ich kenne das gar nicht.
Parkplatz raus, erste Ampel, losfahren. Und dann: einfach nur geil.
Bequem. So bequem, dass ich in den ersten zehn Sekunden überlegt habe, ob das überhaupt ein Motorrad ist oder eine Couch mit Rädern. Aber dann der Gasstoß: Motor ähnlich wie beim Streetfighter, lineare Leistungsentfaltung, vielleicht einen Hauch weniger nervös in der Gasannahme – und trotzdem Power ohne Ende. Ich starte im Tourenmodus. Entspannt, souverän, weit über jedes vernünftige Maß hinaus. Später schalte ich in Sport. Und denke: Moment, das ist ein Rennmotorrad. Die Kurvenlage, die dieser Muskelklotz hinlegt, will man nicht glauben. 236 Kilo fahrfertig, 240er Hinterreifen – und sie legt sich rein, als wäre sie halb so schwer.
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Das Neue für mich: Man sitzt nicht über dem Vorderrad, sondern weit dahinter. Nach hinten gelehnt, entspannt, mit Blick über den langen Tank. Ich kann mir vorstellen, stundenlang damit durch die Landschaft zu cruisen. Nicht nur langsam – auch flott. Aber langsam ist das neue schnell, habe ich heute gelernt.
Als ich die Diavel abgestellt habe, musste ich mir selbst eingestehen: Ja, ich gehöre wohl schon zur Zielgruppe. Hätte ich nicht gedacht. Noch nicht jetzt, aber als Drittbike? Viertbike? Für die Tage, an denen ich nicht rasen, sondern genießen will? Und ein Sozius hätte hier weniger Angst als auf allem anderen, was in meiner Garage steht. Witzigerweise war die Diavel heute ohnehin das einzige Bike mit ernstzunehmender Sozius-Option – die Hypermotard hat zwar formal einen zweiten Platz, aber da will man niemanden hinten draufsetzen. Das ist ein Argument.
Einziger Wermutstropfen, und der ist rein emotional: Der V4 ist zu geschmeidig. Zu ruhig. Bei einem Bike, das so aussieht, hatte ich den Sound eines blubbernden, bratenden, muskulösen Motors im Kopf. Was ich bekomme, ist ein technisch brillanter, smoother V4. Toll – aber nicht das Bild, das ich mitgebracht hatte.
