Mit 659 cm³ Hubraum und 105 PS positioniert sich die Tuono 660 Factory genau dort, wo sportliche Mittelklasse und ausgewachsene Hyper Naked Bikes aufeinandertreffen. Der Zweizylinder dreht willig hoch, liefert im mittleren Bereich brauchbaren Druck und belohnt einen sauberen Gangwechsel mehr als hektisches Schalten. Auf engen Strecken spielt das geringe Gewicht seine größte Stärke aus: Die Aprilia fällt leicht in Schräglage, bleibt beim Anbremsen stabil und lässt sich mit wenig Kraft aus der Kurve heraus korrigieren. Die umfangreiche Elektronik arbeitet unterstützend, ohne das Fahrerlebnis zu überlagern. Mit 220 km/h Höchstgeschwindigkeit ist sie schnell genug für lange Geraden, ihr eigentliches Revier bleiben jedoch kurvige Landstraßen und sportliche Tagestouren.
Der rote Drehzahlbereich kommt näher, und plötzlich wird aus der handlichen Italienerin ein kleines Rennmotorrad mit breitem Lenker. Genau darin liegt der Reiz der Tuono 660 Factory: Sie fährt nicht wie eine entschärfte RS 660, sondern wie eine eigenständige, auf Kurven fokussierte Interpretation. Die Sitzposition ist aktiv, aber nicht anstrengend, der breite Lenker gibt Vertrauen beim Einlenken und die präzise Front erlaubt sehr späte Bremspunkte. Beim Herausbeschleunigen liefert der Zweizylinder kräftigen Punch, ohne den Fahrer mit übertriebener Gewalt zu überfordern. Das geringe Gewicht macht schnelle Richtungswechsel leicht, während die hochwertige Ausstattung auch bei forcierter Gangart Reserven bietet. Gegen eine Yamaha MT-09 wirkt sie weniger brachial, gegen eine Street Triple weniger souverän aus dem Drehzahlkeller, dafür emotionaler und konsequenter. Die Kawasaki Z650 und Honda CB650R kommen ihr bei der Alltagssympathie näher, erreichen aber nicht diese sportliche Schärfe.
Die Tuono 660 Factory ist kein günstiger Einstieg in die Naked-Bike-Welt, sondern ein fokussiertes Sportgerät mit Alltagstalent. Sie begeistert durch Leichtigkeit, präzises Handling und einen charaktervollen Zweizylinder. Wer maximalen Punch sucht, findet bei MT-09 oder Street Triple mehr Druck. Wer Kurvengefühl, Elektronik und italienische Eigenständigkeit höher bewertet, bekommt hier ein außergewöhnlich stimmiges Gesamtpaket.
Die internationalen Tests zeichnen ein ungewöhnlich einheitliches Bild. Ultimate Motorcycling lobt die konsequent sportliche Auslegung, das geringe Gewicht und die starke Ausstattung, sieht den Preis aber deutlich über typischen 650er-Nakeds. Cycle News beschreibt die Factory als leichtfüßige, wenig einschüchternde Alternative zur großen Tuono V4 und hebt ihre Stärke auf engen, kurvenreichen Strecken hervor. Visordown ordnet sie zwischen einfachen Mittelklasse-Nakeds und deutlich stärkeren Premium-Modellen ein: Sie bietet mehr Elektronik und sportliche Substanz als MT-07, Z650 oder Trident 660, bleibt aber preislich nahe an stärkeren Motorrädern. Als wiederkehrender Kritikpunkt gelten der ambitionierte Preis, die begrenzte Soziustauglichkeit und der Motor, der für maximale Beschleunigung Drehzahl verlangt. Insgesamt überwiegt jedoch die Meinung, dass die Tuono 660 Factory besonders auf kurvigen Landstraßen und gelegentlichen Trackdays überzeugt. Quellen: ultimatemotorcycling.com; cyclenews.com; webbikeworld.com. Quelle ansehen