Auf langen Etappen ist das hier ein Motorrad, das dich eher „trägt“ als dass es dich arbeiten lässt. Der breite Windschutz und die feste Geradeausruhe passen perfekt zu Autobahnkilometern, während der kräftige Durchzug auch mit Gepäck und Sozius entspannt bleibt. In engen Kehren musst du die Masse aktiv managen und sauber schauen, dann folgt sie willig, aber sie will klare Ansagen am Lenker. Im Alltag punktet sie mit souveräner Präsenz, braucht aber Platz beim Rangieren und eine vorausschauende Linienwahl in der Stadt. Wer von einem sportlichen Tourer kommt, wird weniger Agilität finden, dafür dieses besondere Bagger-Feeling mit viel Charakter und Langstrecken-Komfort.
Im Stadtverkehr merke ich als Erstes die schiere Präsenz: viel Motorrad um mich herum, aber die Balance ist besser, als die 380 kg vermuten lassen. Sobald die Straße aufmacht, schiebt der 1.923-cm³-V2 mit diesem typischen, satten „Punch“ aus dem Drehzahlkeller, der Überholen fast zur Formsache macht. In schnellen Kurvenkombinationen bleibt die Road Glide auffallend stoisch; die Verkleidung steht wie ein Windschutzschild, ohne dass sich das Vorderrad nervös anfühlt. Beim Anbremsen setze ich die Bremspunkte früher als bei einer leichteren Tourerin, doch die Verzögerung ist gut dosierbar und stabil, selbst wenn der Asphalt wellig wird. Gegen BMW K 1600 oder Honda Gold Wing wirkt sie weniger „sporttourig“ und weniger filigran, aber emotionaler und im Durchzug unmittelbarer; gegenüber einer Indian Challenger fühlt sie sich klassischer an, mit diesem Harley-typischen Langstreckenrhythmus. Unterm Strich: ein Grand-American-Tourer, der nicht nur cruisen, sondern auch sauber Linie halten kann.
Eine große Tourenmaschine mit echtem Charakter: stabil, druckvoll und auf Strecke beeindruckend gelassen. In Kurven besser, als ihr Format erwarten lässt, aber Rangieren und enge Passagen bleiben Arbeit. Wer Grand-American-Touring und V2-Emotion sucht, wird hier sehr glücklich.